19. Dezember 2009

Artikel über die Sektion Westpolen in der Berliner Zeitung

Geschrieben von Hannes in Presse

Hennes und Hertha

Wie Neu-Berliner ihrer alten Heimat ein bisschen nachtrauern. Zum Beispiel mit Fußball gucken in Prenzlauer Berg

Christian Spiller

Das Spiel ist schlecht, aber es gibt Kölsch. Das ist nicht unwichtig für die Berliner Fans des 1. FC Köln, die sich wie jede Woche in der “Schwalbe” in Prenzlauer Berg versammelt haben. Oben sitzt das ruhigere Publikum. Unten, im Keller, vor den Leinwänden, steht der harte Kern. Die Ergänzung zur Südtribüne des Stadions in Köln-Müngersdorf, genau 581 Kilometer entfernt.

Gegen den SC Freiburg steht es 0:0, es ist langweilig. Für die Kölner Fans nichts Neues, auch die vergangenen beiden Spiele endeten torlos. “Für immer 0:0″, singen sie im Keller, wedeln mit ihrem selbstgemalten Banner und greifen nach den Kölsch-Stangen, die stilecht im Kranz dargereicht werden. Sie feiern die alte Heimat und die Neue und auch ein bisschen sich selbst. Es ist eine Parallelgesellschaft, gegen die selbst Thilo Sarrazin nichts einzuwenden hätte.

Für jeden Klub eine Kneipe

In Berlin, der Hauptstadt der Zugezogenen, gibt es zu jedem Bundesliga-Klub mindestens eine Fußballkneipe. Die Bremer treffen sich in der “Wilden 13″, die Mönchengladbacher im “Poruzzi”, die Dortmunder in der “Milchbar” - und die Kölner eben in der “Schwalbe”. Man solidarisiert sich, so weit weg, in der Fan-Diaspora.

Das Präsidium erscheint in lockerer Kleidung, wie immer eigentlich. Manfred Hannes, 39, Präsident, trägt einen Pullover mit rot-weißen Streifen. Stefan Siegmund, 35, sein Vize, ein Shirt mit der Aufschrift “Geißbock”. Ihr Fanklub “Sektion Westpolen” hat die “Schwalbe” in der Stargarder Straße zu seinem wöchentlichen Basislager auserkoren. Der Klubname ist ein Wortspiel. Der Erzfeind aus Mönchengladbach wird als Ostholland bezeichnet, dann ist Berlin eben Westpolen. Die Biografie der beiden steht beispielhaft für Exil-Fans. Der Beruf ruft, oder die Liebe, oder beides. Und der Fan folgt. Plötzlich aber ist er allein unter Fremden. “Dann sucht man ein Stück Heimat”, sagt Hannes. Meist erfolgreich. Und dann ist da dieses Phänomen, das viele von Auslandsaufenthalten kennen. In der Fremde wird man noch patriotischer: “Ich habe zwölf Jahre direkt in Köln gewohnt, aber erst seit ich in Berlin bin, feiere ich Karneval”, sagt Stefan Siegmund. Dann erzählen sie von einem Sonntagnachmittag im Mai letzten Jahres, als ihr Verein den Aufstieg in die erste Bundesliga perfekt machte. Am helllichten Tag strömten 150 bierselige Menschen aus der “Schwalbe” und feierten eine rot-weiße Party auf dem Bürgersteig. Die “Passanten waren irritiert”, sagt Hannes.

An diesem Dezembertag sind etwa 70 Köln-Anhänger an die Stargarder Straße gekommen. Das Spiel ist nicht besser geworden, es steht immer noch 0:0. Da muss man sich irgendwie die Zeit vertreiben. Sie singen Karnevalslieder und noch Gröberes. “Calmund ist geplatzt, Calmund ist geplatzt.” Die Stimmung wird prächtig. Doch Verlangen bleibt Verlangen. Viele brauchen das echte Stadionerlebnis. Die gelegentlichen Auswärtsfahrten oder der Feiertag, an dem der eigene Verein im Olympiastadion gegen Hertha antritt, reichen nicht. Auch eine Fußball-Fernbeziehung ist vor kleinen Betrügereien nicht gefeit. “Ja, ich gehe fremd. Mit Union”, sagt Hannes. Zwei, drei Mal im Jahr ziehe es ihn nach Köpenick. Wegen Nina Hagen und der Atmosphäre.

Er ist nicht der Einzige. Zwar lassen sich Gefühle nicht verpflanzen, aus dem Seitensprung 1. FC Union wurde für viele Exil-Fans trotzdem eine längere Affäre. Warum Union? Union-Sprecher Christian Arbeit scheint es selbst nicht ganz genau erklären zu können. “Vielleicht liegt es daran, dass wir den Leuten nicht auf den Wecker gehen”, sagt er. “Wir machen ein klassisches Angebot: Fußball gucken, Bier trinken, Wurst essen, laut singen und schreien.” Die Alte Försterei, die von den Union-Fans selbst modernisiert wurde, als Sehnsuchtsort für heimwehkranke Fußball-Fans - es scheint zu funktionieren. Allerdings: “Der fremde Besucher muss sich auch anstacheln lassen und mitmachen. Was nicht funktioniert, sind Voyeure, die nur mal ein bisschen gucken wollen”, sagt Christian Arbeit.

Berlins größter Verein, Hertha BSC, hat es dagegen schwer. “Mit der Hertha kann ich gar nichts anfangen, die ist blass und gesichtslos”, sagt Hannes. Der Hauptstadt-Klub widerspricht: “Die letzte Saison mit einem Zuschauerschnitt von über 50 000 hat gezeigt, dass auch die Neu-Berliner den Verein annehmen. Als Tabellenletzter ist es natürlich schwer”, sagt Peter Bombach, Leiter der Hertha-Öffentlichkeitsarbeit. Nach der Wende musste man sich als Verein ohne Umland erst einmal um die Brandenburger kümmern. Nun hat die Hertha auch die Exil-Fans im Auge. “Aber das ist ein langer Weg”, sagt Bombach.

In der “Schwalbe” sorgt man sich indessen um die Loyalität zukünftiger Generationen. Sebastian Siegmund erzählt von seinem Sohn, drei Jahre alt. Der steht zwar total auf Geißbock Hennes, das Kölner Maskottchen. “Er findet aber auch die Hertha grade toll, wegen des Namens”, sagt er und klingt etwas ungläubig. Hertha wäre ja noch okay, aber Mönchengladbach, Leverkusen oder Aachen? “Das würde ich ihm bestimmt ausreden”, sagt Siegmund. Eine echte Gefahr besteht sowieso nicht. “Ich werde versuchen, seinen allerersten Stadionbesuch nach Köln zu legen.” Hoffentlich ist dort dann mehr los als beim Spiel gegen Freiburg - das endete nämlich 0:0.

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